Ökumenischer Gottesdienst zur 800-Jahrfeier

Ökumenischer Gottesdienst der 800-Jahrfeier von Hohenleipisch – 6.6.2010

Predigt: Dominikaner Pater Diethard Zils

 

Vielleicht gibt es jemanden unter uns, der vor 80 Jahren in Hohenleipisch geboren wurde und immer hier gelebt hat. Dann könnte er schon für 10 % der 800 Jahre von Hohenleipisch einstehen. Einen kleinen Bruchteil dieser 10 % habe auch ich miterlebt, als ich mit meiner Schwester für 2 Kriegsjahre im benachbarten Doberlug evakuiert war, und da wir nicht nur dort, sondern auch in Hohenleipisch Verwandtschaft hatten, waren wir auch oft und gerne hier bei Tante Grete und unsern Kusinen und Cousin Hannelore, Kordula und Peter. Und als unsere Mutter im Herbst 1945 nach Doberlug kam, um uns nach langer Ungewissheit wieder in ihre Arme zu schließen, fand sie uns zu ihrer großen Enttäuschung da nicht, sondern musste erst den Weg nach Hohenleipisch finden, denn dort waren wir. Für mich blieben die zwei Jahre in Doberlug und Hohenleipisch unvergessen.

 

Dank unserer hiesigen Verwandten und vieler guter Menschen - Nachbarn, Freunde, Bekannte, Schulkameraden usw. - waren wir fern unseres Geburtsortes und fern unserer Eltern und jüngerer Geschwister auch in Doberlug und Hohenleipisch „in Gottes Hand, und ich bin froh, mit Euch dieses Fest der 800 Jahre zu feiern und als katholischer Priester, der ich geworden bin, mit Euch in Eurer wunderschönen evangelischen Kirche „der Psalmen Klang“ und Gottes Wort zu teilen.

 

Beginnen möchte ich mit einem Gedicht des polnischen Dichters Czeslaw Milosz. Er hat wie die Christen von Hohenleipisch auch die Anfrage von Menschen aushalten müssen, die im christlichen Glauben keinen Sinn erkennen konnten. In seinem Text gibt es den Betenden und den, der nicht mehr beten kann.

Hier sein Gedicht

 

Über das Gebet

 

Du fragst mich, wie man zu jemand
beten kann, den es nicht gibt.
Ich weiß nur, dass das Gebet
eine Brücke baut aus Samt,
über die wir gehen
federn wie auf einem Trampolin
über Landschaften in der Farbe
reifen Golds

Verwandelt vom magischen Still-
stand der Sonne.
Diese Brücke führt zum Ufer
der Wende,

Wo alles plötzlich ganz anders ist
und das Wort „ist“
Einen Sinn offenbart, der kaum
zu erahnen war.                       '

Wohlgemerkt, ich sage „wir“. Jede,
jeder einzelne

Verspürt dort Mitleid mit den anderen,
verwoben wie sie sind dem Menschenleib,
Und weiß, selbst wenn es das andere Ufer
nicht gäbe,

Auf die Brücke über die Erde
gingen sie dennoch.

 

Dieser Text gefällt mir so sehr, weil er ohne großen Aufhebens von der Erfahrung der Betenden spricht, und ohne überhaupt von Gott zu sprechen, einfach darauf vertraut, dass die Grunderfahrung dessen, der betet, auch denen zugänglich ist, die nicht beten; weil er bei Betenden und Nichtbetenden ausdrücklich von einem „wir“ spricht, weil für ihn dieses „wir“ sichtbar und spürbar wird in der Liebe, im Mitleiden mit allen, die Menschenantlitz tragen und an ihrem Leib auch „Angst und Plagen, Zittern und Zagen, Krieg und große Schrecken“ erfahren, wie wir im Eingangslied gesungen haben.

 

Die Minderheit der Hohenleipischer Christen, ob evangelisch oder katholisch, bildet mit denen, die kirchenfern oder kirchenlos oder kirchenfremd leben, ein „wir“. Durch 800 Jahre hindurch hat es hier in Hohenleipisch die verschiedensten Menschen gegeben: Einheimische und Zugezogene, Deutsche und manchmal ungeliebte Ausländer, Menschen voller Güte und Mitleiden, aber auch Bösartige und Selbstsüchtige, aber alle haben das Hohenleipisch von heute mit zu dem gemacht, was es heute ist.

 

Czeslaw Milosz denkt wie der Prophet Jesaja, aus dessen Buch wir gelesen haben. Jesaja drückt die Erfahrung seiner israelitischen Zeitgenossen aus von einem Gott, der auf Menschen trifft, die an ihm ihre Freude haben, die nicht nur passive Hörer des Wortes sind, sondern wirkliche Täter der Wahrhaftigkeit, die auf den Wegen Gottes gehen und ihn nicht aus ihrem Bewusstsein verlieren.

 

Aber vielleicht ist das alles nur ein Wunschbild, und die Realität der Menschen sieht ganz anders aus:

Die Menschen, wieder und wieder verfehlen sie Gottes Wege, keiner hat saubere Hände, keiner ein reines Herz. „Unsere ganze Gerechtigkeit ist wie ein schmutziges Kleid. Keiner ist, der deinen Namen noch anruft, der sich aufrafft, dich festzuhalten.“

 

Also eine Gesellschaft, scheinbar gespalten in solche, die an Gott und seinen Wegen festhalten, und solche, die ganz und gar von Gott entfremdet sind. Vielleicht das Bild einer Gesellschaft, wie wir sie heute in Europa vorfinden, im Osten wie im Westen.

 

Aber wie Czeslaw Milosz überbrückt Jesaja diese scheinbare Spaltung, im Namen der Gottesfreunde und der Gottentfremdeten sagt auch er; „Wohlgemerkt, ich sage „wir“. Hören wir noch einmal Jesaja selbst: „Und doch bist du, Herr, unser Vater, wir sind der Ton, und du bist unser Töpfer, wir alle sind das Werk deiner Hände, Herr, zürne nicht so sehr und gedenke nicht ewig der Sünde! Sieh doch, dass wir alle dein Volk sind!“

 

Als hätte Jesaja schon an das Töpferdorf Hohenleipisch gedacht. Da versteht man etwas vom Handwerk des Töpfers, da versteht man etwas von Ton und Erde, da versteht man etwas von Farben und Glasuren, da versteht man etwas von Brennöfen und Brennvorgängen. Aus zunächst unansehnlicher Erde wird durch das Handwerk des Töpfers wunderbare Irdenware, die Wohlstand schafft und Anerkennung findet. Dass wir uns verstehen dürfen als Ton in der sorgenden, ich möchte sagen vorsichtigen und zärtlichen Hand des göttlichen Töpfers, kann in uns ein großes Vertrauen wecken, dass, wie auch immer es kommt, letztlich der Töpfer mit uns etwas anfangen kann.

 

Doch vielleicht ist dieses Bild etwas zu idyllisch. Leben wir nicht in unserm realen Leben „in schweren Ungewittern“, wo „Not und Trübsal blitzen“, sind da nicht auch „Todesangst und Klagen“? Gibt es da nicht „Hunger, Erdbeben, Kinderweinen und Krieg“? Und sind wir etwa nur passiver Ton in der Hand eines übermächtigen Gottes?

 

Bilder von Gott, auch wenn es biblische Bilder sind, dürfen wir nicht überstrapazieren. Gott sitzt nicht da und knetet uns zurecht, nur er aktiv und wir ihm passiv ausgeliefert. Biblische Botschaft ist, dass Gott uns formt durch die Erfahrungen unserer Geschichte. Das Volk Israel wurde geformt zu dem, was es ist, durch die Erfahrung der Sklaverei und der Befreiung, durch Kämpfe um das „Gelobte Land“, durch Fremdherrschaft, Exil und schöpferisches Leben in der weltweiten Zerstreuung der jüdischen Diaspora. Und wenn wir in Bildern von Gott sprechen, dann weil etwas von diesen Bildern auch in uns lebt. Gott ist unser Töpfer, damit auch wir Töpfer und Töpferinnen sind, die mit zupackender, aber auch sorgsamer, zärtlich liebender Hand an unserm eigenen Leben, am Leben unserer Mitmenschen kreativ, schöpferisch, künstlerisch mitbeteiligt sind.

 

Alles, was in den 800 Jahren an Kräften in Hohenleipisch wirksam war, ist mitbeteiligt an seiner heutigen Gestalt, mögen es Soldaten der Roten Armee oder der NVA gewesen sein, katholische Mönche vom Kloster Dobrilugk oder Pfarrer, Pfarrerinnen, Kirchenvorsteher evangelischer Gemeinden, mögen es wendische Imker oder deutsche Töpfer gewesen sein, ihnen allen und vielen anderen verdanken wir das Hohenleipisch von heute, wie es sich in seiner wunderbaren 800-Jahrfeier als ein lebendiges „wir“ erwiesen hat.

 

Zum Schluss möchte ich noch auf drei große Umbrüche hinweisen, die das Dorf Hohenleipisch zu verdauen hatte: Da ist erstens das Aufeinandertreffen zweier Sprachen, der wendisch-sorbischen und der deutschen, ihr lange währendes Miteinander und das schließliche  Zusammenfließen in der Sprache Martin Luthers, Immanuel Kants und Johann Sebastian Bachs.

 

Da ist das Aufeinandertreffen einer alten reformbedürftig gewordenen katholischen Kirchlichkeit mit der Kirchenreform, die sich im 16. Jahrhundert mit der Urgewalt der Explosion einer neuen Spiritualität Bahn brach und schließlich in einer neuen evangelischen Kirchlichkeit Gestalt annahm.

 

Und da ist das Zusammentreffen eines demokratischen Staatsverständnisses mit zwei Regimen, die eher auf eine Autorität pochten, die unanfechtbar sein wollte. Ein Zusammentreffen, das wieder in ein demokratisches Zusammenleben mündete.

 

Sicher haben alle diese Konfrontationen zu Spannungen, Verwundungen und Traumata geführt. Aber im Rahmen dieser 800-Jahrfeier dürfen wir all das als Teil unserer Geschichte sehen, es mag uns verwundet, beschämt oder stolz gemacht haben. Wir können diese Geschichte nicht ungeschehen machen, sie hat uns zu dem gemacht, was wir heute sind

 

Hohenleipisch - Menschen in Gottes Hand

Hohenleipisch - Töpfer und Töpferinnen

     aus Gottes Töpferhand

 

Aus dieser Vergangenheit erwächst uns auch eine Verpflichtung für die Zukunft:

Hohenleipisch sollte nicht vergessen, dass auch Wenden bzw. Sorben an seiner Gestalt mitgebaut haben.

 

Hohenleipisch mit den Spuren katholischer Vergangenheit an seiner Kirche sollte dazu beitragen, dass evangelische Kirchlichkeit in einem Geist weltumspannender Katholizität gelebt werden kann, in versöhnter Verschiedenheit und vielgestaltiger Einheit.

 

Hohenleipisch sollte selbstbewusst auf seine Jahre im östlichen Staatenverband zurückblicken und mit seinen Partnern, die diese Jahre im westlichen Bündnis lebten, an einem Europa bauen, das mit beiden Lungenflügeln - Ost und West - atmen kann und beiträgt zu einer Welt aller Menschen aus Gottes Töpferhand.